Bio- und Ökoklo nach Lehmann … eine Bauanleitung

ökokloÖkoklobau mit Lehmann an der Volkshochschule Wien 5., Stöbergasse, im Jahre 1992, der gute Mann dürfte mittlerweile gestorben sein. Er war damals zwischen 65 und 70 Jahre alt.

Motiv: Vermeidung des Trinkerwasserverbrauchs durch die Spühlklos. Fäkalien gehören nicht in die Abwässer. Fäkalienkeime in die und Überdüngung der Fließgewässer trotz Kläranlagen, gelöste (Nähr) Stoffe konnen nur bedingt aus den Abwässern „gefiltert“ werden. Kontaminierung des Grundwassers durch undichte Kanäle. Abschau aus dem indischen „Erdklo“, den Klos der Inkas, Azteken und Mayas. Ökoklo ist kein Plumsklo. Hermetische Isolierung gegenüber dem Boden und dem Grundwasser. Plumsklos bedenklich wegen der Einbringung von Urin/Methan/ und der Nichtabdichtung gegenüber dem Grundwasser.

Herstellung aus gebrannten und ungebrannten Lehmziegels/ Lehmziegel-Selbstherstellung siehe Internet Lehmbau. Plastikfolie und Dachpappe. Lehmmörtel. Holzsitzbrett. Spannplattenschrauben.

Ausmaße. 1m mal 1 m. 1m mal 80 cm. 1,20 m mal 1 m usw. rund um diese Dimensionen, Drei-Personen- Haushalt. Vordere Klokante/Sitzbrettrand und Fülllochmittelpunkt rund die Länge eines Oberschenkels.

Den Humus rund 15 cm tief entfernen. Den Untergrund waagrecht ausrichten und feststampfen. Sandschicht, kein Splitt, von 2 bis 3 cm auftragen, waagrecht abziehen und feststampfen. Plastikfolien/Plastiksäcke usw. zum Schutz der Dachpappe gegen Beschädigung von unten auflegen, an den Rändern ansteigen lassen/etwas größer schneiden. Detto Dachpappe oder Teichfolie drauflegen. Gegen Austritt von Flüssigkeit, die tunlichst nicht entstehen soll. Auf die „Pappe“ gebrannte Ziegel auflegen, die Fugen mit Sand oder Lehm füllen. Den Rand des Karrees mit einer Ziegellage aus gebrannten Ziegeln langseitg aufgelegt ummauern. Die Rückseite des Klos braucht eine stabile Anlehnwand. Aus gebrannten, 25 cm dick oder ungebrannten Ziegels, 30 cm dick. Kniehöhe plus rund 20 cm. Anlehngewölbe aus Lehmziegeln mauern. Sie malen einen gotischen Bogen an die Anlehnwand. Den Innenbogen und den Außenbogen. Der Außenbogen erreicht etwa die Kniehöhe plus rund 15 cm eines Erwachsenen, Lehmziegel kann man sägen/altes sonst unbrauchbares Sägeblatt/. Mit halben Ziegel beginnen. Die Oberseite des Ziegels so schneiden, dass der Ziegel möglichst flach mit viel Flächenkontakt an der Anlehnwand mit Hilfe des Lehmmörtels anklebt. Ziegel sitzt unten im Mörtelbett auf der Ziegelumrandung. Gewölbe von links und von rechts gleichzeitig mauern. Der Bogen beginnt etwas steil und flacht dann gegen die Spitze hin ab. Eiform. Die Ziegel sind zweifach geneigt. Sie lehnen sie an der Rückwand an und Sie streben beim Mauern dem Scheitel des Gewölbes zu. Internet „Persisches“ bzw. „Nubisches“ Gewölbe. Sie mauern etwa 50 cm Scheitellänge weit auf sich zu. Dann setzen sie einen Model oder eine Schablone für das Rundloch ein. Einen runden Kübel auf Ziegeln gestellt. Sie mauern das Gewölbe weiter. Die Ziegel enden jetzt oben am Model. Haben Sie den Model ummauert entfernen Sie den Model durch nach oben Wegziehen. Die untergestellten Ziegel nehmen Sie heraus. Sie mauern das Gewölbe weiter. Die Ziegel des Gewölbes stützen einander durch den Schlussstein. Er soll daher sehr passgenau sein. Sie mauern weiter bis das Gewölbe die vordere Kante der Grundumrandung erreicht. Sie schließen die vordere Öffnung des Gewölbes durch Mauern einer Wand mit stehenden Lehmziegeln. Hochkant. Sie können die Vorderseite auch aus Holz ausführen. Verschlusswand schneiden und einfügen mit Mörtel abdichten. Eventuell verputzen. Der Clou ist, die Vorderwand muss entfernt werden, wenn Sie das Klo ausräumen. Wenn das Klo voll ist, zwei bis drei Jahre unbenützt lassen, Vollverrottung. Aerobe Kompostierung. Möglichst keinen Urin hinein. Den entsorgen Sie bspw.auf dem Komposthaufen. Wenn’s einmal passiert, dann Asche nach. Stinkt nicht. Sauerstoffliebende Mikroorganismen erledigen die Verwandlung in Dünger. Keine Gährung. Kein Methan. Sie brauchen zwei solche Klos.

Sitzbrett. Sie mauern links und rechts des Füllloches eine Mauer hoch. Mindestens von den vorderen Ecken bis zum hinteren Rand des Fülllochs. Sie schließen die Mauer oben mit einem eingemauerten Holz ab. Darauf verschrauben Sie später das Sitzbrett. Kann aus zwei zusammengefügten Brettern bestehen. Mit zwei Querbrettern verbunden. Mit einer Stichsäge schneiden sie das Füllloch aus. Das Füllloch im Holz darf etwas größer sein als das Füllloch im Gewölbe. Das Brett rund herum mit Lehmmörtel abdichten. Gegen die Fliegen. Den Ausschnitt nehmen Sie um daraus den Deckel zu bilden, den Deckel etwas verkleinern, oben darüber ein größeres Brett anschrauben, oben darüber einen Griff befestigen. Fertig. Das Gewölbe kann mit Lehmmörtel verputzt werden. Mit einer Kalkwasserlösung bestrichen werden. Das Klo muss überdacht sein. Holzkonstruktion? Mauern?.Dach aus Schilf? Usw. Viel Glück! Der nach zwei bis drei Jahren gereifte Inhalt ist sehr stickstoffreich und ein hochwertiger Gartendünger. Nach Lehmann’s Untersuchung und wissenschaftlicher Kontrolle völlig von Fäkalienkeimen frei und gesundheitlich unbedenklich. Der Mann ist vielleicht über die VHS Wien 5., Stöbergasse recherchierbar. Bücher? Düngererzeugung bei den alten Inkas, Azteken und Mayas. Keine Großtiere, kaum Mist. Ausscheidung der Menschen als Quelle von Dünger genutzt. Erfahrung, wie nutzen ohne Krankheitsrisiko.

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Bio- und Ökoklo nach Lehmann … eine Bauanleitung

Die Krankenschwester

von Sebastian Eff

Aus dem Buch „Sozialen Nullen“, erzählte Erfahrungen von Silvia Bee und Sebastian Eff, das Buch ist bestellbar unter f.flossinger@gmail.com

Hallo Berta! Ich hatte kurz vergessen, dass ich es mit einer Krankenschwester zu tun habe. Krankenschwester, das ist ein Stichwort für mich. In meinem Heimatdorf gab es eine starke Nazifraktion. Unter anderem war der Doktor ein Nazi der ersten Stunde. Akademiker sein schützt vor politischer Torheit nicht. Er ereifrigte sich während des Krieges seines Amtes. In der Ordination, er schrieb Kranke gesund für den Nutzen der Nation. in der Gemeinde, er beteiligte sich bei der Aushebung von Jungmännern für die Wehrmacht. Als die Naziordnung unter Druck kam, die Rote Armee an der Enns, die US-Armee in Passau, flüchtete der gute Doktor nach Salzburg, wie man munkelte um dort unterzutauchen. Er hatte die Ordination versperrt und war für die Kranken inkognito verreist. Er blieb für länger weg  Es gab nun im Dorf keinen Arzt. Es gab keine Möglichkeit mehr, auf Rechnung der Krankenkasse, sich verarzten zu lassen. Die Wehrmacht wurde, soweit noch etwas von ihr übrig war, in Oberösterreich demobilisiert. Was das genau war, weiß ich nicht. Die Armee der Russen bleibt an der Enns stehen. So hatte es die Anti-Hitler-Koalition in Jalta ausgemacht. Die Amis rückten etwas später von Westen her bis an die Enns vor. Die den Russen entkommenden Soldaten der Wehrmacht waren über die Enns geflohen. Mit ihnen eine Menge Flüchtlinge. Die Soldaten, soweit sie in O.Ö. ankamen, wurden in O.Ö. von den Offizieren der Wehrmacht entwaffnet und mit einem Passierschein entlassen. Andere unterzogen sich der Prozedur nicht, sie warfen die Waffen in Bäche und Tümpel, besorgten sich Zivilkleider und versuchten sich nach Hause durchzuschlagen. Ein mitunter riskantes Unternehmen. Wer zu früh nach Hause kam oder unterwegs von Eiferern der Ordnung geschnappt wurde, wurde wegen Desertion hingerichtet. Das deutsche Reich. terrorisierte bis in seine letzten Züge die ihm untertanen Menschen. So in etwa dürfen wir uns die „Demobilisierung“ vorstellen. Ich habe Erzählepisoden in Erinnerung, die ein solches Bild ergeben.. In O.Ö. gab es keine Feldschlachten mehr, der Widerstand der Wehrmacht war vor seinen Grenzen zusammengebrochen. Die Nazis, zivil oder in Uniform, hielten die öffentliche Ordnung aufrecht so gut sie konnten, sie übergaben die Macht an die Alliierten. Waffen händigten sie aus. Die Fremd- und Zwangsarbeiter nutzten das zerrissene Netz der öffentlichen Kontrolle und zogen mit Raubgut ab.Überwiegend in Richtung Polen….. In das Dorf kam neben den kranken und verletzten Soldaten auch eine Krankenschwester heim. Mit Fronterfahrung im Lazarett. Sie hatte schon im Lazarett „alles“ machen müssen, erzählten die Heimkehrer – sie müssen es ja gewusst haben. Als sie ärztliche Hilfe suchten fanden sie keinen Doktor. Das soll es auch schon an der Front dort und da so gegeben haben. Zusammenbruch. Die Nazi-Mediziner waren von den Lazaretten in Oberösterreich abgehauen und ließen die Verwundeten und die pflegenden Krankenschwestern zurück. Die ausgemergelten Heimkehrer, sie hatten die typischen Soldatenkrankheiten bis hin zur Ruhr. War es ihre Erfahrung aus dem Krieg oder ihr Instinkt, sie suchten die heimgekommene Krankenschwester auf: Sie wohnte in einer Art Gemeindebau. Es sprach sich herum, dass man bei der heim gekommenen Krankenschwester Hilfe bekam. Die „Ordination“ der Krankenschwester und mit ihr der Gemeindebau wurden regelrecht belagert. Die Kranken standen in den Gängen. In ihrer Küche hielt sie Ordination. Sie behandelte vielfach mit Hausmitteln und ersuchte die ankommenden Patienten alles vorbei zubringen, was sie in ihren Hausapotheken finden konnten: Die Ex-Soldaten unterhielten sich mit der Krankenschwester. Fachbezogen. Die Fragen kreisten um die Themen, woran es ihr fehlte, was sie bräuchte, um effizienter helfen zu können. Sie kam auf die Idee, in der Ordination des Doktors könnten Instrumente und Medikamente vorhanden sein, die sie jetzt alle gut brauchen könnten, sie und die kranken Heimkehrer, zu denen sich mehr und mehr die Flüchtlinge hinzugesellten. Aber die Ordination wäre leider verschlossen. Die Soldaten wussten schnell Rat. Zugesperrt? Kein Problem! Als Soldaten waren sie es gewohnt durch verschlossenen Türen zu gehen, sie hatten noch jede Tür geöffnet, Ein Schloss war nie ein akzeptiertes Hindernis, meinten sie. Die Soldaten forderten die Krankenschwester auf, mit ihnen zu kommen. Sie gingen schnurstracks zur Ordination. Sie brachen die Tür auf, sie beorderten die Krankenschwester in das Behandlungszimmer und die Krankenschwester eröffnete ihre Ordination. Freiwillige Helfer unterstützten sie. Sie konnte nun viel besser helfen. Die Kriegsheimkehrer schwärmten von ihr und ihrer Tüchtigkeit, Sie hätte vielen das Leben gerettet, sagten sie. Sie nahm sogar Operationen vor, weil die Spitäler noch nicht funktionierten und der Krankentransport darnieder

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Die Krankenschwester

Hilfmann oder mein fast schon heiliger Respekt vor den Lebensmitteln

von Sebastian Eff

Gute noch verzehrbare Lebensmittel wegzuwerfen bereitet mir richtig seelische Schmerzen. Sei es dass mir selber Lebensmittel schlecht werden, weil ich mich beim Einkaufen vertan habe oder dass Gäste nicht gegessen haben, weil es ihnen nicht geschmeckt hatte oder was auch vorkommen kann, dass sie ohne mich darüber zu informieren selber Lebensmittel mitgebracht haben, so dass es mir unmöglich gelang zu essen was ich nun im Hause hatte. Lebensmittel wegwerfen, eine Überwindung, eine Qual, der aus dem Wege zu gehen, ich viel auf mich nehme. Die Nachbarn anquatschen und und und. Eine Zeit lang begleitete ich in dem Provinzstädtchen, in dem ich zur Zeit lebe, Obdachlose bei ihrer Suche nach Lebensmitteln aus den Wegwerfcontainern der Supermärkte. Es ist grauenhaft, was die Supermärkte an Lebensmitteln wegwerfen. Ich weiß nicht, was sie verkaufen, aber ich habe eine Ahnung von den Mengen die sie wegwerfen, seit ich in ihre Container geschaut habe. Ganze Chargen Trinkmilch, weil sie das Ablaufdatum erreicht hatten. Tiefkühl“weihnachts“gänse, am 3. Jänner des neuen Jahres zu Dutzenden in den Müllcontainern. Obst und Gemüse. Orangen- und Zitronennetze im Container nur weil eine einzige Frucht angefault war. Eier im Karton, dutzendweise übereinander in den Container geworfen. Mehl. Reis, Teigwaren, Selbst Weinflaschen und Mineralwasser, was eigentlich nicht verderben kann. Ich geh nicht mehr mit ihnen, mit den Obdachlosen. Ich habe genug gesehen. Ich kann auch nicht mehr. Die Supermärkte haben die Container hinter Drahtzäunen unzugänglich gemacht und eingesperrt. Die Wegwerferei geht weiter, jetzt nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ich bin mir sicher, dass die Wegwerferei weiter geht, nur ich kann sie nicht mehr sehen, ich muss es nicht mehr sehen, denn es ist alles andere als ein Vergnügen für mich. Ich konnte nur das eine oder andere Lebensmittel retten, es selber verzehren oder anderen zukommen lassen. Geht nicht mehr. Die Supermärkte sehen sie lieber im Feuer der Müllverbrennung als auf dem Tisch eines Armen. Soweit so gut. Das war nur das Vorspiel zu meiner eigentlichen Erzählung, zur Erzählung wie ich zu meiner Haltung zu den Lebensmitteln kam, dazu dass sie bei mir zu einem quasi heiligen Rang gekommen waren. Meine Erfahrungen als Kind müssen für mich sehr prägend gewesen sein. In der Nachbarschaft meiner Herkunftsfamilie gab es zwei sehr arme Familien. Wir sind in den Fünfzigerjahren. Die eine Familie schildere ich ziemlich ausführlich in meiner Erzählung Wenn das Totholz kracht. Ich möchte mich daher hier der anderen Familie zuwenden. Familie Hilfmann. Kleinbauern von drei bis vier Joch Grund. Zwei Kühe, die auch als Zugtiere dienten. Zwei Mastschweine, die für die Grundernährung dienen mussten. Rund zwanzig Hühner. Geld kam in die Familie durch den Verkauf der überschüssigen Milch und der übrig gebliebenen Eier. Es blieb nicht viel übrig. Gelegentlich stand eine kleine Kanne Milch von fünf oder zehn Litern am Straßenrand vor dem Haus. die der Bauer mitnahm, der gerade dran war, die Milch einzusammeln und in die Molkerei zu liefern.  Die Familie war groß. Die Familie hatte neun Kinder. Die ältesten waren bereits „außer Haus“, wie die Bauern zu sagen pflegten. Sie waren ArbeiterInnen in der Stadt geworden. In den Sommerferien kamen sie nicht nur zu Besuch, um ihren Urlaub auf dem kleinen Bauernhof zu verbringen, sie ließen auch ihre Kinder gerne bei den Großeltern, warum auch immer. Die Familie war sehr kinderfreundlich. Das war auch der Grund, dass auch ich mich und meine Geschwister sich gerne bei ihnen aufhielten. Ich fand dort immer SpielgefährtInnen vor. Buben wie Mädels rundum in meinem Alter. An Sonntagen ließen meine Eltern mich und meine Geschwister los, um zu den Kindern und Enkelkindern des Hilfmann zu gehen. Meine Mutter gab mir jedesmal die Warnung mit, dass ich ja nichts essen sollte beim Hilfmann, ja nichts aus dem Garten nehmen, ja nichts unter den Obstbaumen aufglauben sollte. Denn die Hilfmanns bräuchten ihre Früchte alle selber. Die haben eher zu wenig als zu viel. So waren ich und meine Geschwister auf unseren Besuch bei Hilfmann vorbereitet. Und richtig. Die Hilfmanns waren alle dünn. Zart und dünn. Der Bauer selbst führte die Spitze der mageren Gesellschaft an. Er war kaum 1.60 m groß und wog vielleicht an die 50 kg. Die beiden jüngsten Kinder, die noch im Haus waren, durchwegs klein und mager. Die Bäuerin war etwas „fester“, sie machte ja auch die Küche. Die beiden, ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren und eine junge Frau von rund siebzehn Jahren standen als GelegenheitsarbeiterInnen bereit, bereit für die umliegenden Bauern, wenn sie jemand brauchten. Auf diese Art kam Gretl mehrmals an unseren Hof, wenn Mutter krank war, wenn Mutter ein Kind gekriegt hatte, … Die Gretl als meine Ersatzmutter habe ich in guter Erinnerung. Das war ein Fest! Sie trieb mich nicht an, sie schimpfte mich nie, ich fühlte mich wie ein anderes Kind, ein gutes Kind. Sie durfte mich gemocht haben. Sie hatte bei uns an die zwölf bis fünfzehn Kühe zu melken. Mit der Hand. Wie das zarte Fräulein das geschafft hatte, blieb mir ein Rätsel. Wenn sie fertig war, wirkte sie sichtlich erschöpft und sagte mit einem überraschenden Seufzer: Oh, so viel Milch! Wir lieferten täglich vier bis fünf Kannen Milch zu 25 Litern. Ihr Bruder, Alois hieß er, er wurde gerufen, wenn schwere Arbeit anstand. Auf der Baustelle, bei der Ernte. Das bisschen Geld das sie gelegentlich heim brachten durfte ganz entscheidend für ihr Überleben gewesen sein. Und da war ich nun Gast. Freundlich geduldet als spielendes Kind. Ich war dort sehr gerne. Wenn ich einmal da war, wollte ich schier nimmer heim gehen. So konnte es kommen, dass ich noch zur Jause oder zum Abendbrot da war. Die Kinder und die Enkelkinder der Familie wurden zu Tisch gerufen. Ein „armer“ Tisch, kein Tischtuch, auch nicht am Sonntag. Holzteller, Holzlöffel. Suppe. Marmeladenbrote. Tee. Milch. Wir, also ich und meine Geschwister, verloren plötzlich unsere Spielgefährten. Wir durften mit in die Stube kommen. Uns wurde der „Katzentisch“ zugewiesen. Da saßen wir nun, auffallend still. Ein Krug Wasser wurde uns hingestellt, ein paar Gläser. Wir nippten der eine nach dem anderen etwas Wasser. Die Dialoge am Esstisch kreisten ums Essen. Hey, nimm nicht so viel Marmelade, sie muss ja für alle reichen! Suppe. Pass auf, verschütt nichts, es ist um jeden Tropfen schade! Lass dir helfen bevor was daneben geht! Bei der Milch.Trink nicht so schnell, trink langsam, dann hast du eher genug. Es muss für dich reichen, was du im Glas hast!. Der Bauer rief einmal zu uns Kindern, zu den Kindern seiner Nachbarn herüber: Tut mir leid, dass ich euch nichts geben kann, aber es reicht bei uns gerade mal für uns. Oder ein andermal sagte er: Wenn ich so viele Felder hätte wie ihr, täte ich mich leicht auch euch was abzugeben. Ich fühlte mich dann etwas beschämt. Wir waren wirklich nicht des Essens wegen gekommen. Ich mochte aber den alten hageren Mann. Ich hörte ihm auch gerne zu, wenn er wieder mal auf der Bank vor seinem Hause ins Reden kam. Er beklagte sich mitunter über die Scheinchristen seiner Nachbarschaft. Er nannte sie auch gleich beim Namen. Da kam er einmal auf einen Bauern zu sprechen, der hätte in der Kriegszeit den Nazis seine behinderte Tochter ausgehändigt, zur Heilung von ihrer Behinderung. Sie war mongoloid. Sie kam nie wieder heim. Er machte sich mit einem gewissen Sarkasmus über den Bauern lustig. Sonst recht gscheit beim Wirtschaften, aber den Nazis nimmt er ab, dass sie seine Tochter von der mongoloiden Krankheit heilen würden. Ist der wirklich so blöd oder ein Verbrecher! Warum wird der nicht vor Gericht gestellt?! Ein Sonntagsheiliger, sagte er, am Sonntag drängt er sich vor bei der Beicht und bei der Kommunion, am Montag macht er ein Geschäft mit den Nazis über die Beseitigung seiner behinderten Tochter. Der kann mir doch nicht erzählen, dass er das nicht gewusst hat, das mit „Hartheim“/ Schloss, Euthanasie, Medikamentenexperimente an Bedinderten und „Asozialen“ sowie deren Ermordung/. Hat doch ein jeder gewusst. Sogar ich, obwohl ich nicht einer der Gscheitersten bin. Herzerfrischend wirkte dieser alte dürre Mann auf mich. Bei mir waren sie ja auch, setzte er fort, diese Eugeniker und wollten mir was erzählen von Heilung meiner behinderten Tochter. Meine Tochter heilen?, sagte ich, erzählen sie das meiner Kuh im Stall aber nicht mir! Meine Tochter ist wegen einer Sauerstoffunterversorgung während der Geburt Gehirn geschädigt, das ist unheilbar. Und wenn ich ein Analphabet wäre, würde ich das kapieren. Sie trachten mir nach dem Leben meiner Tochter, verlassen sie sofort mein Haus und kehren sie nicht wieder! Sie kamen nicht mehr. Ich, der kleinste Bauer in der Gegend, kann mir das Futter für meine behinderte Tochter leisten, sagte er, die Großkopferten mit ihrem Vierzig Joch Hof nicht, wenn da nicht die Hühner lachen, wenn dann? Ich war noch keine zehn Jahre, als ich diese Tatsache über den Bauern in unserer Nachbarschaft hörte. Ich staunte nicht schlecht über den Mut dieses kleinen Mannes. Ich fühlte mich von ihm sehr ernst genommen. Er zeigte uns auch seine behinderte Tochter. Sie saß in der Küche neben dem Herd. Sie konnte nicht sprechen, sie gab nur „Urlaute“ von sich. Sie war unbeschreiblich dick. Man hatte ihr einen Spezialsessel angefertigt. Mit dicken klobigen Beinen und aus starken Brettern. Sie trugen ihr Gewicht. Sie musste gewickelt werden wie ein Kleinkind. Man musste sie am Abend ins Bett bringen und am Morgen wieder heraus heben. Aber der Mann war sichtlich stolz, sie nicht den Schlächtern überantwortet zu haben. Er sagte: Sie gehört zu uns, sie würde mir fehlen, wenn sie nicht da wäre. Wenn ich am Sonntag beim Gang in die Kirche mit meiner Mutter am Obstgarten des Hilfmann vorbei ging, zeigte meine Mutter mit der Handtasche in ihrer Hand unter die Bäume und sagte: Da schau her, kein Fallobst unter die Bäum, die lassen schon gar nichts verderben, die glauben alles zsamm und verwerten es. Da hat da Herrgott a Freid! Aber Bua, sagt sie zu mir, und wann die Birn nu so schein san, lass sie liegn für die Hilfmannleit, die kennans brauchn und du kannst gwiss sein, dass sös alle holn. Das verstand ich aufs Wort. Ich ging an den saftigsten Birnen vorüber. Aus dieser Erfahrung muss wohl mein fast schon heiliger Respekt vor den Lebensmitteln herrühren.

Hilfmann oder mein fast schon heiliger Respekt vor den Lebensmitteln

Meine Überstellung zu einer Bergbauernfamilie auf dem „Predigtstuhl“

almhüttenvon Silvia Bee

unschuldige Einöde….. 

Der „Predigtstuhl“ war ein ausladender Hügelrücken, der zu einem Hochplateau gehörte, das hinter sich die Bergkette und vor sich einen Abbruch von mehreren hundert Metern in ein Tal hatte, vom Tal aus gesehen erinnerte der hervor springenge Fels an die Form einer großen hervorragenden Nase, stand man auf der Nase, konnte man sich wie auf einem Predigtstuhl fühlen, man hatte eine weite Aussicht in gleich zwei lange Talmulden mit den Ansiedlungen der Menschen unter sich. Ich war damals  elf Jahre alt, als ich zu einer Bauernfamilie umziehen musste. Das Ehepaar hatte keine leiblichen Kinder. Am ersten Tag schon hatte man mir gezeigt, wie man mit der Heugabel umgeht. Wie es anfing, so blieb es. Wenn man mich besuchte, hätte man mich immer bei der Arbeit angetroffen. Ich wurde ständig zur Arbeit angehalten. Beim Essen hörte ich des Öfteren: Tu fest essen, du musst dann auch fest arbeiten! Du sollst die Arbeit ja auch aushalten. Die Arbeit hatte ich bereits bei meinen Verwandten im Wäldli kennen gelernt. Ich war an die Arbeit gewöhnt. Mit dem Vieh zu tun zu haben war mir das Liebste. In meiner alten Heimat im Bregenzer Wald – erinnere ich mich – führten die Bauern auf ein Hornsignal des Gemeindehirten ihre Ziegen auf die Dorfstraße. Der Hirte nahm sie alle in einer großen Herde mit auf die Bergwiese. Am Abend kamen die Ziegen zurück, die Ziegen wussten, wo sie wohnten, es wurde ihnen der Stall geöffnet, sie strömten hinein, dann wurden sie noch gemolken. Es war meine Arbeit die Ziege auf die Straße zu führen und sie von dort wieder abzuholen. Meine neue Pflegefamilie wohnte in einem Bauernhaus, das neunhundert Meter über dem Bodensee lag, bei Schönwetter hatten wir eine gute Aussicht über den See und ins Rheintal, bei Schlechtwetter konnte man mitunter auf ein Wolkenmeer wie aus einem Flugzeug von oben runter schauen. Das vermittelte mir eine Gefühl des Schwebens. Das war sehr spektakulär. Unsere Schule war auf einer Erhöhung am Waldrand gelegen. Man nannte sie auch die Waldschule. Das Schulhaus stand ganz alleine da. Im Sommer waren etwas über zwanzig Schüler an der Schule. Alle in einer Klasse. Im Winter nur etwa achtzehn Kinder. Unser Lehrer war noch sehr jung. Er war sehr lieb. Er war bei einer entfernten Verwandten von mir einquartiert, er bekam dort auch die Kost. Die Turnstunde verbrachten wir auf einer schräg abfallenden Wiese, auf der wir oft Völkerball spielten. Die Besonderheit dieses Platzes war, dass uns oft der Ball verloren ging, er rolle den Hang hinunter. Viel Zeit ging drauf, ihn wieder zu holen. Schön war, dass ich damals drei Freundinnen hatte, mit denen ich viel lachen konnte. Sie sind mir bis heute treu geblieben. Nach der Ausschulung lebte ich noch bei dieser Pflegefamilie, Das Pflegeelternpaar machte zwar oft Kinder, aber Kinder bekamen sie keine. In der Küche habe ich das Geschirr gewaschen. In der Küche befand sich ein Sofa. Es handelte sich um eine Wohnküche. Mein Pflegevater begann neben mir mit sexuellen Handlungen mit seiner Partnerin. Zum Beispiel, wenn sie sich bückte, um Holz in den Herd zuschieben, bekam er Lust auf Sex. Sie sagte dann: Net August, net August! Und schon war „er“ drin. Dazu muss ich anführen, dass die Bäuerinnen und vielleicht nicht nur sie, damals zumindest an Werktagen keine Unterhose trugen, aber viele Röcke übereinander, ganz nach Jahreszeit und Außentemperatur. Strümpfe galten als Luxus, den man sich kaum leisten konnte. Wahrscheinlich war es ihr nicht einerlei, dass er zu sexuellen Handlungen schritt in meiner Gegenwart. Ich bin mit meinem Lavour und dem zu reinigenden Geschirr vor das Haus gegangen, um nicht zusehen zu müssen. Heute kommt mir diese Handlungsweise mir gegenüber sehr respektlos vor. Sie machten immer wieder Sex in meiner Gegenwart, was mich sehr abstieß. Ich fürchtete auch, er könnte eines Tages auch über mich in gleicher Weise herfallen, sobald ich eine Frau geworden war. Das tat er allerdings nicht. So korrekt war er dann doch. Über diese Belästigung mit ihrem Sex in meiner Gegenwart konnte ich leider mit niemanden sprechen. Die Pflegeeltern galten im Dorf und beim Jugendamt als gute Pflegeeltern. Ich hatte zu keinem Erwachsenen das Vertrauen darüber zu sprechen, und ich fürchtete, wenn ich es täte, man würde mir nicht glauben und ich müsste vielleicht weg gehen und ich würde zu einer anderen Pflegestelle geschickt, wo es mir vielleicht noch schlechter erginge. Zu der Verteidigung meiner Pflegeeltern könnte ich anführen, dass die Wohnverhältnisse schon sehr beengt waren. Im Winter wurde nur ein Raum geheizt, die Wohnküche. Damit das elterliche Schlafzimmer etwas mit geheizt wurde, ließ man die Tür etwas geöffnet, was wiederum die Wirkung hatte, dass ich bei ihrem Sex mithören musste. Aber auf der Heuwiese beim Heuen machten die beiden es nicht anders, da hätten sie Gelegenheit gehabt, etwas mehr Rücksicht auf mich zu nehmen. Es gab ja ringsum Strauchwerk und Waldinseln. Ekelhaft respektlos. Ich glaubte, ich müsste mir das gefallen lassen, ich fände nirgendwo Unterstützung, ich machte mir nur noch mehr Gegner, wenn ich mich wehrte. Mit meiner Pflegemutter kam ich was die Arbeit betrifft gut zu Recht, mich in die Arbeiten einzuschulen machte sie mit einem gewissen Geschick dazu. Ich war sehr fleißig, ich führte die mir aufgetragenen Arbeiten sehr gewissenhaft aus, das sah auch die Pflegemutter. So hatte ich Ruh. Dieses Maß an Anerkennung war für mich schon die Krone des Erwartbaren. Ich machte damals die mich prägende Erfahrung, dass ich zur Arbeit tauge. Meiner Ziehmutter von einst konnte ich beispielsweise überhaupt nichts recht machen. Da lag ich immer falsch. Sie fand immer einen Anlass mich zu beschimpfen und zu watschen. So gesehen war ich jetzt viel besser dran. Ich glaubte, etwas verlieren zu können, wenn ich jetzt kritisierte, was mich stört. Sie hielt mich zur Sauberkeit an. Ich habe der Pflegemutter keine Schwierigkeiten gemacht. Sie schien zufrieden zu sein, aber eine besondere Herzlichkeit kam nie auf. Sie wollte mit „Sie“ angesprochen werden. Im Dorf sagte man ihr nach, sie hätte sich in mir eine Magd angeschafft. Traurig. Es drückte auf meinen Selbstwert, dass ich mich zur Magd habe machen lassen. Aber was blieb mir anderes übrig? Der Volksmund hatte recht, wenn er meine Pflegeeltern kritisierte, aber was tat er?: Nichts. Er ließ mich allein. Ärgerlich. Solange ich ihr gegenüber gefügig war, solange kam die Pflegemutter mit mir gut zu recht. Nicht hinterfragen, nicht kritisieren gehorchen, ausführen,… gerade wie Nutztiere. Ich durfte mich mittlerweile daran gewöhnt haben, dass kaum jemand an mir interessiert war, sondern daran interessiert war, was ich ihm bringe. Ich hatte meine Überlebensnische darin gefunden, anderen zu nutzen. Es wurde zu meiner Erfahrung, so könnte ich leben, ohne ständig angefeindet zu werden. Ich fühlte mich nicht stark genug, ständig kämpfen zu müssen. Das hielt ich nicht aus. Mit vierzehn Jahren habe ich meiner Pflegemutter irgendetwas zurück geredet, was es war, erinnere ich mich leider nicht mehr. Ich war gerade dabei einen zirka fünf Meter langen Teppich aus zu schütteln, kaum gesprochen versetzte sie mir einen Schlag und ich flog samt dem Teppich bis zur gegenüber liegenden Wand. Ich hatte scheinbar die mir zugewiesene Rolle als ihr Nutztier gesprengt. Seit dieser gewalttätigen Begebenheit habe ich immer zuerst überlegt, was ich sage. Man hat mir öfters mit der Einweisung nach „Jagdberg“ gedroht. Jagdberg galt als Inbegriff von Strenge und Grausamkeit (siehe Seite 100, 187 und 198 des Buches Tatort Kinderheim von Hans Weiss). Eine andere Bauernfamilie auf dem „Predigtstuhl“ hielt sich ebenfalls ein Pflegekind. Eine angehende Teenagerin in meinem Alter. Es war nicht leicht, mit ihr in Kontakt zu kommen. Sie war sehr still, wirkte eingeschüchtert und sehr verschlossen. Es kam mir zu Ohren, dass sie sehr viel arbeiten musste. Es wurde geredet, dass sie sofort, wenn sie von der Schule heim kam, mit Arbeit bis spät in den Abend zugedeckt worden war. Kühe auf die Weide, Kühe von der Weide holen. Man will die Schülerin ihre Schulaufgaben auf der Weide machen gesehen haben. Die Familie hatte zwei leibliche Töchter, die in dieselbe Schule gingen, aber einige Schulstufen voraus waren. Wenn sie von der Schule heim kamen, durften sie die Hausaufgabe machen, und sie wurden nicht angetrieben, schnell dabei zu sein. Sie hatten neben der Arbeit immer noch Zeit zum Spielen. Das Pflegemädchen hingegen sah man nie spielen. Obwohl dem Mädchen niemand half, lernte es gut. Der Lehrer lobte die Schülerin mitunter. Das war aber schon alles, was sie an Anerkennung bekam. Die Leute sagten, die Familie hätte das Pflegekind bloß zur Arbeit genommen, man ließ ihm gerade noch Zeit zum Beten. Der Volksmund drückt mitunter Wahres aus, aber Konsequenten setzt er keine. Sorgen sind Privatsache, selbst schon für ein Kind hat das Gültigkeit „gehabt“. Es war einfach niemand da, den die

Für jedes Kind wenigstens eine schützende Erwachsenenhand

Nur eine liebevolle Hand eines Erwachsenen für jedes Kind… diese Gesellschaft leistet das nicht, sie ist überfordert. Wie traurig für die Kinder!………

Wahrheit angespornt hätte, für sie zu handeln, für das Kind da zu sein. Der Volksmund bringt vieles unter einen Hut. Die Pflegemutter genoss einen guten Ruf, weil das Pflegekind immer gewaschen war. Das reichte dem Volksmund. Scheinbar genügte das auch dem Jugendamt. Ich fand damals, das Pflegekind hatte es übel erwischt. Für eine Geste der Solidarität mit ihm fehlte mir der Mut. Ich fürchtete mich, mich zu exponieren. Es lag irgendwie in der Luft, Pflegekinder durften sich nicht zu nah kommen, sie würden sich gegenseitig verderben, sie würden auf schlechte Gedanken kommen. Es trieb mich die Angst um, wenn meine Pflegeeltern nicht mit mir zufrieden wären, könnte ich zur Strafe zu strengeren und gröberen Pflegeeltern überstellt werden. Oder gar nach „Jagdberg“(Skandalheim). Deswegen bemühte ich mich, es meinen Pflegeeltern so gut wie nur möglich recht zu machen. Hatte man es schlimm, drohte einen noch Schlimmeres, wenn man dagegen aufmuckte. Das war das System. Eines Tages ist ein Reisender zu meinen Pflegeeltern auf den Bauernhof gekommen und hat Stoffe verkauft. Die Pflegemutter hat bei dieser Gelegenheit Stoff für einen Mantel und einen Stoff für ein Sommerkleid für mich gekauft. Ich musste zur Schneiderin gehen und Maß nehmen lassen. Ein Mal ging ich dann noch zur Schneiderin, um den Mantel und das Kleid anzuprobieren. Eine Woche später durfte ich meinen neuen Mantel und mein neues Kleid freudig nach Hause holen. Ich habe meinen Mantel angezogen und der Pflegefamilie vorgeführt. Der Mantel hat uns allen gut gefallen. Die Pflegemutter hat auch mein neues Kleid probiert. Das Kleid hat auch ihr gepasst, sie hat es als schön befunden und gleich für sich behalten. Das Kleid hätte auch mir gut gestanden, aber es wurde nichts damit. Ich machte nun auch mit ihr die Erfahrung, dass sie respektlos mit mir umging. Sie hat mich weder gefragt, ob ich ihr das Kleid abtreten wolle noch bat sie mich um Entschuldigung, dass das für mich angefertigte Kleid nun doch nicht mir, sondern ihr gehören sollte. Sie verlor darüber kein Wort. Eigentlich finanzierte ich ihr das Kleid, denn sie kassierte für mich vom Jugendamt. Mein leiblicher Vater zahlte Alimente ans Jugendamt. Außerdem leistete ich Heimarbeit ohne Bezahlung. Einmal war ein Zimmermann im Haus, der hatte fünf Kinder, aber seine Buben packten nicht so selbstständig an, wie er es bei mir erlebte. Ich würde wie ein Mann arbeiten, meinte er einmal zu mir gewandt. Das Jugendamt hat mich zwei Mal im Jahr zu sich bestellt und viel gefragt, wies es mir ginge, was ich arbeite, dabei kam zur Sprache, dass ich Heimarbeit für Gotteslohn im Namen der Pflegemutter verrichtete. Der Jugendamtsleiter kehrte mehr den Juristen hervor, ich aber hätte mehr den unterstützenden „Vater“ gebraucht. Er rechnete nicht mit meiner Ängstlichkeit. Ich konnte die Gespräche mit ihm für mich nicht nutzen. Der Chef vom Jugendamt vertrat die Meinung, dass mir die Heimarbeit bezahlt werden müsste. Es handelt sich schließlich um Erwerbsarbeit, für die die Bäuerin kassiert, sie trete auf, als ob sie alles allein verrichtet hätte. Er meinte, ich sollte gegenüber meinen Pflegeeltern meinen Lohnanteil beanspruchen. Eine zeitlang warf ich mir vor, dass ich nicht gesagt hatte, was ich von ihm brauchte. Unterstützung. Ich traute mich nicht …ich hätte ihn ja kritisiert, ich fürchtete ihn. Ich konnte nicht glauben, dass er mir väterlichen Schutz und Beistand anbieten würde, wenn ich… Ich wusste, Geld an mich, das war für meine Pflegeeltern eine heikle Angelegenheit. Das Verhältnis würde auf die Probe gestellt. Ginge es um mich oder ums Geld. Es ging nur ums Geld. Ich würde die beiden am Nerv treffen. Ich habe es mir so gewünscht, der Herr Amtsleiter käme auf die Idee, mit meinen Pflegeeltern zu sprechen! Warum tut er das nicht, weiß er nicht um mich!? Er war mächtig, nicht ich. Ich fühlte mich nicht stark genug, allein den Lohn zu fordern, obwohl ich wusste, dass er mir zusteht. Dieses Unrecht, ich warf mir noch vor, dass ich den Amtsleiter nicht bat, .. Ich war eingeklemmt in Angst. Die Bäuerin hatte schon einmal zugeschlagen. Ich fürchtete, ich fände bei niemandem Unterstützung. Der Chef vom Jugendamt meinte dann auch, ich dürfte die Pflegeeltern verlasen, sobald es mir gefiele. Komische Entlassung! Man fragte mich nichts mehr, keine weitere Hilfe! Das war’s. Kalt! Dann ergab es sich, dass eine mit den Pflegeeltern verwandte Mutter entbunden hatte. Die Familie schickte jemanden zu meinen Pflegeeltern um zu fragen, ob man mich nicht haben könnte zur Betreuung der gerade entbundenen Mutter und den bereits fünf vorhandenen Kindern. Mir war wichtig, dass ich von den sexuellen Belästigungen durch unvermeidbares Zuschauen und Mithören mich befreien konnte.Geld bekam ich auch hier nicht. Es tauchte ein junger Mann auf, dem ich gefallen habe. Er hatte ein Motorrad, damals eine Besonderheit. Ich fuhr mit ihm ein paar Male mit, angreifen ließ ich mich nicht. Er schrieb mir einmal einen Brief. Auf einer Seite zählte ich siebzehn Fehler. Zu viele. Ich wollte einen gescheiteren Mann. Der junge Mann hat mir geholfen, dass ich von meinen Pflegeeltern weg kam, er hat mich zu meiner ersten bezahlten Arbeitsstelle vermittelt. Ein Restaurantbetrieb. Man hat mich nichts gefragt. Lohn? Ich habe nichts gefordert. Arbeitszeiten? Ich war dort Mädchen für alles. Ich wagte dort nicht irgendwelche Forderungen zu stellen. Ich fürchtete, ich würde fliegen und eine schlechte Nachrede bekommen. Ich musste vom Aufstehen bis zum Schlafengehen ohne Unterbrechung arbeiten. Ich nahm den Lohn, den man mir gab, er war nicht hoch. Menschen meines Alters unternahmen gemeinsame Ausflüge, sie wanderten am Sonntag in die Berge. Wie gerne wäre ich bei ihnen gewesen! Ich wagte nicht um eine Freizeit zu fragen. Erst als ich in Pension war, holte ich es nach, auf „unseren“ Hausberg zu steigen. In diesem Restaurant lernte ich dann später meinen Mann kennen. Einen Ungarnflüchtling. Einer seiner Sätze zu mir war: Du arbeitest hier wie ein Vieh, das macht dich noch kaputt, du solltest von hier weg gehen. Ich wollte den „Fehler“ meiner Mutter nicht wiederholen. Mein Vater hatte meiner Mutter die Ehe versprochen, mich mit ihr gezeugt und eine andere Frau geheiratet. So wurde aus meiner Mutter eine geprellte Frau und ich ein „lediges Kind“. Sexuelle Kontakte wollte ich erst zu lassen, nachdem wir geheiratet hatten. Mein Mann hatte dafür Verständnis und kam damit zu recht. Wir entwickelten daraus eine Beziehung, die bis zum Tod meines Mannes hielt. Mit vierzehn Jahren habe ich meiner Pflegemutter irgendetwas zurück geredet, was es war, erinnere ich mich leider nicht mehr. Ich war gerade dabei einen zirka fünf Meter langen Teppich aus zu schütteln, kaum gesprochen versetzte sie mir einen gewaltigen Schlag und ich flog samt dem Teppich bis zur gegenüber liegenden Wand. In meinem Umfeld sah ich niemanden, der mich vor Gewalt geschützt hätte. Meine Pubertät war kurz, sie dauerte nur Sekunden. Seit dieser gewalttätigen Begebenheit habe ich immer zuerst überlegt, was ich sage. An meiner „guten“ Pflegestelle hat man mir öfters mit der Einweisung nach „Jagdberg“ gedroht. Jagdberg war ein Jugendheim, es galt als Inbegriff von Strenge und Grausamkeit gegen die dort angehaltenen Kinder und Jugendlichen. Ich bin Herrn Weiss sehr dankbar für sein Buch, ich fühle mich verstanden und anerkannt (siehe Seite 100, 187 und 198 des Buches Tatort Kinderheim, H.Weiss).

Meine Überstellung zu einer Bergbauernfamilie auf dem „Predigtstuhl“

Interview mit einer ehemaligen KZ-Aufseherin

von Sebastian Eff

Ich hörte einmal, ich glaube es war auf Youtube, es kann aber auch auf „Arte“ gewesen sein, ein gutes, weil ehrliches, Interview mit einer KZ-Aufseherin von Auschwitz. (Projekt: Aufzeichnen bevor sie alle wegsterben). Setz dich hin, falls du stehst! Jetzt haut es dich möglicherweise um. Die mittlerweile gealterte Frau, sie wurde als unauffällige Krankenschwester alt, gestand gegenüber der Interviewerin, sie war in Auschwitz glücklich, es wäre ihr gut gegangen, sie hatte gut verdient, sie hatte eine konfortable Unterkunft, genügend Freizeit, Fahrgeldvergütung für die Heimreise etc.. Sie erlebte damals einen sozialen Aufstieg, sagte sie. Sie wäre wegen einer Umstrukturierung ihrer bislang sie beschäftigenden Firma arbeitslos geworden. Die Firma hatte sie wegen grober Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung zur Überprüfung und Abstellung der notorischen Fehlermacherei eingestellt, sie durfte sich Kontrollbuchhalterin nennen und war befugt worden allen Büroangestellten auf die Finger zu schauen. Sie verlangte von den Angestellten, dass sie alle Teilarbeiten vor allem Rechenaufgaben und statistischen Zusammenstellungen signierten, bevor sie sie aus der Hand gaben. Die Fehler waren schnell reduziert und hörten schließlich ganz auf. Der Unternehmer war mit ihrer Arbeit sehr zufrieden gewesen, sagte aber, sie hätte nun ihren Job getan, er müsste sich wieder von ihr trennen, er würde aber ihr ein gutes Zeugnis ausstellen, das ihr sehr hilfreich sein würde, wieder einen guten Job zu bekommen. Sie hatte sich, wie es damals Pflicht war, sofort beim Arbeitsamt gemeldet. Das Arbeitsamt sagte zu ihr, sie sind jung, und wie ihren Papieren zu entnehmen ist, tüchtig und pflichtbewusst. Und an ihrer deutschtreuen Gesinnung dürfte auch nichts auszusetzen sein. Solche Menschen kann im Augenblick Deutschland gut gebrauchen. Würden sie eine Aufseherstelle in Auschwitz annehmen? Und die Dame vom Amt zählte umgehend die Vorzüge dieser Arbeitsstelle auf. Natürlich log sie von hinten bis vorne. Natürlich war von der Vernichtung durch und ohne Arbeit der dort Inhaftierten nicht die Rede. Natürlich waren das alle politische Feinde Deutschlands, unzuverlässige Elemente u.s.w., die dort angehalten wurden. Sie nahm die Stelle an. Sie musste sich gewöhnen an die ausgemergelten, oftmals kranken und stinkenden Gestalten, denen man am besten nicht zu nahe kam. Man dirigierte sie mit einem Stock. Man musste hart sein, um sich durchzusetzen. Und das war ein Kriterium, sich zu bewähren, an diesem Arbeitsplatz. Sie hätte es gelernt. Denn sie wollte auf keinem Fall wieder arbeitslos werden, man bekam wenig und die Damen vom Amt waren garstig und rüpelhaft. Man machte sich schnell verdächtig, wenn man Arbeitsangebote ablehnte, sagte sie. Ein-, zweimal mochte es gehen, wenn man plausible Gründe vorzubringen hatte. Schöpfte die Dame vom Amt Verdacht, dass man sich etwa vor der Arbeit drücken möchte, bekam man eine Vorladung bei der Staatspolizei. Das stand dann im Personalakt. Eine solche Eintragung schadete einen bei jedem Dienstwechsel und bei jeder Vorrückung. Sie verdiente gut und sie konnte sich was leisten. Sogar Sex war nicht tabu. Sie, sie meinte die Aufseherinnen, bekamen Monat für Monat von der SS-Lagerleitung Sanitärpackete als Naturalie neben dem Lohn, da waren sogar Präservative darin verstaut. Sonst, sie meinte auf dem freien Markt, waren Präservative nur sehr schwer zu kriegen, nur auf dem Schwarzmarkt und sehr teuer. Sie war verwundert, denn die offizielle von der Politik verbreitete Botschaft war eine andere. Der katholischen Kirche gleich verurteilte die Politik die Schwangerschaftsverhütung als dekadente Erscheinung. Sagte die katholische Kirche etwa, Gott wolle die Schwangerschaften, sagte die NS-Führung der Führer wolle sie, und überhaupt sei die Fruchtbarkeit eines Volkes Ausdruck seiner Vitalität und seines Überlebenswillens. Also auch die, sie meinte die Nazis, die sich als die politischen Saubermänner verkauft hatten, predigen Wasser und trinken Wein. Wenn sie für sich die Präservative gut finden und für das Volk schlecht, dann tun sie das nicht nur bei den Präservativen. Sie sind ein korrupter Haufen, wie alle anderen auch. Damit meinte sie die Vorgänger an der Macht, die sie zu hassen gelernt hatte. Der Glaube an die Führung hätte damals einen Riss bekommen, sagte sie. aber sie hütete sich, darüber zu jemanden zu sprechen, das tat niemand und sie hielt sich auch daran. Ihre Begeisterung für das System hätte damals einen Dämpfer bekommen, aber sie wollte ihre Stellung nicht gefährden. Sie hatte ab nun nur mehr mitgemacht, ihre Pflicht erfüllt, um nicht aufzufallen. Auf die Frage, ob sie denn nicht Gewissensbisse hatte, weil sie 

Maria_Mandel. KZ-Aufseherinjpg

Exemplarisch. Nach einer steilen Karriere in der KZ-Aufsicht wurde Maria Mandl im Herbst ’45 in ihrer Heimat aufgegriffen, von einem US-Tribunal zum Tode verurteilt, das Urteil wurde vollstreckt.

In Polen waren die Hinrichtung von KZ-AufseherinInnen relativ zahlreich.

bei der Ruinierung und Tötung unschuldiger Menschen mitwirkte, meinte sie, sie hätte nichts für die Menschen tun können, sie hätte sich zu isoliert gefühlt, und sie wagte nicht, die Fühler nach Mitwirkenden auszustrecken, es gab kein Vertrauen unter der Belegschaft der Aufseherinnen, und, sagte sie, wenn nicht sie den gut entlohnten Job gemacht hätte, hätte ihn eine andere gemacht. Gute Gute Jobs waren damals rar. Den Menschen selbst hätte das gar nichts gebracht. Ich, sagte sie, wurde lange von der Führung irregeführt, was die Gründe der Verhaftung und der Anhaltung im KZ betrifft, so z.B. feindselige Haltung gegen Deutschland oder das deutsche Volk. Natürlich erfuhr sie nach und nach die wahren Gründe, sie waren Juden, Zigeuner, … die man enteignet, sozial desintegriert, arbeitsmäßig restverwertet hatte und schließlich ganz weg haben wollte. Sie wäre froh gewesen, dass sie diese Politik und diese Behandlung dieser armen Geschöpfe nicht verantworten habe müssen. Die Verantwortung dafür trugen andere, „die da oben“, da war sie sehr froh, dass dieses Schuld nicht auf ihre Schultern fiel. Sie wäre sich sicher gewesen, dass sie keine Schuld träfe, und so hielt sie durch bis zum Schluss. Sie persönlich hätte keine Gefangenen umgebracht, aber sie musste arbeitsunfähige melden, und die hat sie bald nicht mehr gesehen … Sie befürchtete keine Rechenschaft und Bestrafung nach dem Zusammenbruch, sie hätte doch nur ihre Pflicht getan, sie hatte sich an die geltenden Gesetze gehalten. Mit einem anderen Verhalten hätte sie ihr Leben gefährdet, das kann doch niemand von ihr erwarten. Und sie meinte, auch die nachfolgenden Machthaber würden das einsehen. Sie hat, sagt sie, vor der Behörde niemals ihre Beschäftigung im KZ verheimlicht, und sie bezöge Rente auch aus der damaligen Beschäftigung im KZ. Hätte sie Unrechtes getan, würde sie doch dafür keine Rente bekommen Die Dame war sehr betagt, sie dürfte in Frieden mit ihrem Gewissen gestorben sein.

Interview mit einer ehemaligen KZ-Aufseherin

Die Bringschuld

Ein komisches Wort. Ich hatte immer Mühe mit diesem Wort was Sinnvolles anzufangen. Man ist was schuldig. ohne jemals so etwas wie einen Vertrag eingegangen zu sein. Ein Geschäft quasi das vollkommen einseitig eingefädelt wurde, quasi ohne dass der /die, der/ die etwas zu bringen hat, von Anfang an etwas davon weiß, dass er/sie etwas schuldet Irgendeinmal macht er/sie die Erfahrung, dass da jemand von ihm/von ihr eine Leistung erwartet. Sehr überraschend, aber nichts desto weniger stringent und unnachgiebig wird einen eine Rechnung aufgetan. Gut, das, was ich da liefere, ist keine Definition nach dem Duden. Da mag etwas ganz anderes stehen. Es ist meine Erfahrung, von der ich da rede. Ich habe diese Erfahrung als Kind machen müssen. Wenn es nur nicht so absurd wäre! Lange Zeit empfand ich Scham, diese Erfahrung gemacht haben zu müssen. Es war meine Mutter, leibliche Mutter, die mit mir diesen einseitigen Deal abgeschlossen hatte. Ich sage hatte, aber ich weiß nicht, wann sie dieses Abkommen mit mir getroffen hatte. War es, als sie sich mit meinem Vater ins Bett gelegt hatte, war es, als sie festgestellt hatte, dass sie an mir schwanger geworden war, war es bei meiner Geburt, als sie davon ausging, dass sie eine ganz große Leistung vollbrachte, mich quasi ohne mein Zutun zur Welt zu bringen, war es, als ich so recht und schlecht die kleinkindliche Hilflosenphase hinter mich gebracht hatte, in der sie mir hat den Hintern putzen und mir den Milchbrei regelmäßig hat einflößen müssen, war es, als ich endlich unter trocken blieb und oben mir selber das Futter in den Mund habe stopfen können. Ja, da so, in dieser Entwicklungsphase muss es gewesen sein, dass meine Bringschuld zu wirken begann. Ich hatte ihre Leistung, mich ausgetragen und geboren zu haben, mir den Hintern sauber gehalten und den Mund gestopft zu haben, nunmehr abzutragen. Wie? Dass ich nun nicht mehr unter keinen Umständen, auch nicht unter dem Umstande einer Panne mehr einschiss, dass ich mein Überwasser zuverlässig durch das Hosentürl abließ, dass ich mir selber die Kleider suchte, die ich brauchte, dass ich mich selber darum kümmerte, dass ich den Mund voll kriegte, dass ich ihr zu Diensten stand, wo immer ich konnte. Ich habe versagt, ja. Ich habe versagt. Sie war ständig mit meinen Leistungen unzufrieden. Ich war nie aufmerksam genug, zu bemerken, was sie brauchte, und wie ich ihr zur Hand gehen könnte. Mein Spieltrieb war albern, unnütze Zeitvergeudung. Ich provozierte sie, wenn ich spielte, wenn ich mir trotz ihrer Aufmerksamkeit, mir Arbeit zuzuteilen, immer wieder Zeit heraus holte zum Spielen. Sie wurde heftig, wenn ich von der Arbeit ins Spielen abglitt, sie erwischte mich, dass ich mich nicht auf die Erledigung ihrer Arbeitsaufträge konzentrierte, sondern aus der Arbeit ein Spiel machte, aus der Arbeit ein halbes Spiel aus dem Spiel, das mir einfiel, eine halbe Arbeit. Ich war noch lange nicht in der Schule , da erlebte ich den Stress, den mir meine Mutter macht, ich müsste ihr eine Leistung, eine Vorleistung abdienen. Ich hatte für sie ständig verfügbar zu sein. Ich stand in ihrer Schuld und sie nahm sie sehr ernst..Sie forderte völlig zu Recht, vermittelte sie mir, dass ich mich pausenlos anzustrengen hätte, um ihr abzuzahlen, was ich ihr schulde. Den dicken Bauch, den sie herumzuschleppen hatte und der sie behindert hatte ihr Energie ganz für sich, für ihre eigenen Projekte zu verwenden. Ich hätte bereits, als sie an mir schwanger war, ungebührlich frech an ihrer Lebenskraft gezehrt. Sie beklagte, während andere Frauen, wenn sie schwanger waren, mit dem Wachstum ihrer Leibesfrucht an Gewicht zulegten, sie hingegen an Gewicht verlor, während ich mich in ihrem Bauch zu einem kugelrunden Dickling entwickelt hatte, den aus sich herauszupressen für sie nicht leicht war. Nach meiner Geburt konnte sie sich nur eingeschränkt ihrer Arbeit widmen, da ich als bedürftiger Bangat ständig was brauchte. Meine Fütterung, die nasse und mehr Unterwäsche , die viele Schmutzwäsche, die ich fabrizierte und mein Schreikonzert, das ich veranstalte, wen ich mir was „in den Kopf setzte“. Das hätte sie sehr beansprucht. Ihre Vorleistung wäre groß, es wird schwer sein, dass ich ihr das vergelte. Sie war eine hagere Frau, gewiss, und sie verachtete sich dafür. Sie bewunderte die etwas rundlichen Menschen und unterstellte ihnen, dass sie ein angenehmeres Leben hätten. Besseres Essen und weniger Arbeit. Als ich ein wenig gescheiter geworden war, bekam ich allmählich mit, was sie für mich getan hatte, und was ich gut zu machen hatte. Sie hätte meinen Bauch, meinen Arsch und meine Wasserlassöffnung bedienen müssen. Jetzt wo ich über diese Bedürftigkeitsphase hinaus sei, dürfte sie wohl verlangen, dass ich ihre Vorleistung abdiente. Ich hätte sie für viel zu lange bei ihrer ordentlichen Arbeit behindert. Sie war bitter sauer auf mich, dass diese Anstrengung, diese Investition in mich unumgänglich war, dass ich darauf bestanden hatte, es sei denn sie hätte mich in meinem Dreck liegen und mich verrecken lassen… Aber sie wollte nicht zur Mörderin werden, sie wollte nicht dafür ins Gefängnis gehen, sie wollte dafür nicht ihren sozialen Ruf verlieren. Sie hatte doch im großen und ganzen die katholische Prioritätenliste bereits abgearbeitet: keine Empfängnisverhütung vorgenommen, mich im Embryostadium nicht abgetrieben, mich auf die Welt gebracht, mich durch das erste Lebensjahr durch gefüttert und gewaschen, von viel mehr sprachen die Geistlichen nicht. … Schon als Kind dachte ich: Hoppla! Habe ich es selbst bestellt, dass ich in ihren Bauch kam, dass ich aus ihrem Bauch auch irgendwie heraus musste, und wie es die Umstände einer Geburt so mit sich bringen: unter Schmerzen? Habe ich aus purer Bosheit in die Hose geschissen, habe ich aus purer Bosheit mehrmals am Tage nach dem Fläschchen verlangt, mit Nachdruck, wenn sie säumig war? Absurd? Meine Mutter behandelte mich aber so. So, als hätte ich sie die ganze Zeit zu etwas genötigt, was sie nicht freiwiIlig tat, was ich ihr gegen ihren Willen und gegen ihr Lebenskonzept abgenötigt hatte. Das, so die Welt eine gerechte sein sollte, müsste ich büßen durch Arbeit, durch Abarbeit. Ich habe sie über Jahre von der Arbeit abgehalten, von Erwerbsarbeit, von Arbeit die Geld bringt, jetzt steh ich in ihrer Schuld. Ich müsste durch meine Ergebenheit, ihr dienstbar zu sein, ihr Versäumnis und ihren wirtschaftlichen Schaden wieder wettmachen. Meine Mutter und ich, wir haben uns „ein Leben lang“ nicht verstanden. Ich habe ihren Vertrag sabotiert, ich habe versucht ihrem Anspruch zu entkommen, mein Kind sein zu leben, zumindest etwas davon zu erwischen. Sie hat gegen mich gekämpft, gegen mein Leben, das ich für mich leben wollte. Wir waren sauer aufeinander und gingen sauer auseinander. Sie hat ihren Anspruch nicht aufgegeben. Und ich konnte ihn nicht erfüllen, ohne daran zugrunde zu gehen. Ich sagte schon, schon als Kind dachte ich mir halb artikuliert, ist die nicht blöd! Aber so lustig war das nicht. Es war absurd und ernst zu gleich. Es hat mir viel Kraft gekostet, mein Leben zu bewahren, es hat mir viel Kraft gekostet, gegen den Anspruch meiner Mutter gegen zu halten, es war mir nicht einerlei, meine Mutter ständig abgrundtief enttäuschen zu müssen. Ich fand nur schwer meinen Selbstwert in der Erfahrung, dass ich die Enttäuschung ihres Lebens war. Ich ging verwundet aus diesem Krieg hervor, seelisch verwundet. Und es grub sich eine ganz tiefe Konfusion in meine Seele ein. Es wurde ja kaum Klartext geredet. Meine Mutter hielt vor sich selbst und vor den anderen den Schein einer guten Mutter aufrecht. Die dörfliche Umwelt gab ihr nach meiner Beobachtung recht und meiner Wahrnehmung und meinem Erleben unrecht,. Und dennoch: Für mich schlug sich die Realität an dem Schein. Ich wollte nicht zur Kenntnis nehmen, dass meine Mutter mit mir bloß ein Geschäft verfolgte. Ich wollte sie von dem Geschäft abbringen. Eine Konfusion, die zu entwirren, das dauerte. Bei mir. Aber. etwas mehr Klarheit und schon spüre ich wie es mir besser geht.

Mittlerweile habe ich mich umgehört bei den Alten meiner sozialen Kategorie. Kleinbauern. Landarbeiter. Sie sagten durch die Bank, sie kannten meine Erfahrung als ein in Schuld geborener Spross. „Es war damals so“. Gegen ein paar Kreuzer in Lohn geschickt zu den Großbauern. Von früh an. Zu Hause ständig zur Arbeit angehalten. Und. Der Erziehungsterror ging immer wieder von der enttäuschenden Leistung aus, die kind angeblich erbracht hatte. Keine Zeit für Schulaufgaben. Kein Interesse an dem gedeihlichen Fortgang in der Schule, kein Interesse an einem guten Lernerfolg. Das war den guten Eltern wurst. Sie wollten Kreuzer, Schillinge, Mark, … sehen. Nach der Ausschulung, mit Abschluss der Pflichtschule umgehend in die Arbeit, in den Dienst. Die Lohnhöhe … eine Nebensache, die Hauptsache einen Dienstposten, einen Arbeitsplatz. Den Lohn hatte man selbstverständlich zu Hause abzuliefern. Die Eltern wollten den Rückfluss für ihren vorgeschossenen Geldaufwand, die erbrachte Vorleistung, sehen. Es galt als obszön, dieses Ausbeutungssystem zu hinterfragen. Frevel! Die proletarischen Landkinder waren quasi schuldbehaftet in dieser Welt angekommen. Mit einer Art Erbschuld. Ich war kein Kind der Ausnahme, sondern eines der Regel. Für die modernen Industriearbeiter war die ökonomische Benutzung ihrer Kinder obsolet geworden. Nur. In der „Dritten Welt“ dürfte von der für proletarische Kinder verheerenden sozialen Tyrannei, ihre Versklavung, ihr Verkauf, noch jede Menge übrig sein.

Die Bringschuld

Das Tellerfleisch

Meine Frau und ich. Ich und meine Frau Lola. Natürlich gibt es da Parallelen zu meiner Beziehung zu meiner Mutter. Die hat immer einen schrecklich ausgehungerten Eindruck auf mich gemacht. Gierig nach seelischer und körperlicher Nahrung. Ich fürchtete ihre unterdrückte Gier. Sie machte mich auch immer verantwortlich dafür. dass es ihr schlecht ging, dass sie erschöpft, dass sie ausgelaugt sei, weil ich ihr zu wenig helfe, weil ich sie bei der vielen Arbeit alleine ließe, müsste sie umso mehr tun…. ich spürte, dass ich nie genug hätte tun können, ich konnte mich nur durch Flucht und Abstand vor ihrer Vereinnahmung retten. Ich ahnte was. Blöde für mich, dass ihre Gier nach etwas Seelischem, nach einer seelischen Leistung … nach längerer aufgestauter Enttäuschung umschlug in Hass. Wutanfälle, Schimpf- und Schlagorgien. Ich meine, dass noch immer Reflexe bei mir aktivierbar sind. Lola kann sich die folgende Situation nicht vorstellen: Als ich so 10 bis 14 Jahre alt war, hat mich Mutter immer als ihren Tragesel organisiert. Das sah so aus. Am letzten Monatssonntag holte sie beim Wirt, bei der Wirtin, immer das Milchgeld ab. Die Molkerei deponierte das Milchgeld bei der Wirtin. In einem Kuvert. Sie trug mir auf, dass ich nach der Kirche zu dem Wirt ginge und auf sie dort wartete. Ein Blick durch das Fenster. Entweder war sie schon da, dann saß sie in der Gaststube am Tisch nahe dem Tresen, oder ich war früher da als sie, dann wartete ich vor dem Gasthaus. Sie holte das Geld ab, setzte sich für eine Weile hin, nutzte die Gelegenheit für einen Tratsch mit der Wirtin und bestellte immer dasselbe: ein Tellerfleisch. Großer Suppenteller mit Nudeln und einem großen Stück Rindfleisch, meist Fett an einem Ende. Für mich keine Verlockung. Würstel wären meine Sache gewesen. Mutter löffelte und schmatzte. Ich saß daneben und wartete. Sie kaufte mir nix. Mit einem der Tausender aus dem Kuvert  zahlte sie und dann ging sie mit mir an der Seite zum Kaufmann, schon mehr zur Kauffrau. Dort kaufte sie ein. Ihre Bestellungen kamen stoßweise aus ihr heraus. Zwischendurch verlor sie sich in Erzählungen, was wieder die Kauffrau zu inspirieren schien, ihrerseits einen Erzählschwall zu produzieren. Die Kauffrau besorgte und schaffte herbei, was sie von dem behielt, was meine Mutter angesagt hatte. So ging es immer hin und her. Ein Abschnitt aus der Bestellliste, die Kauffrau drehte sich dahin und dorthin, und der Berg auf dem Tresen wuchs. Dabei erzählte sie mal mit Bezug auf das, was sie von ihrer Kunde gehört hatte, mal schien mir ihre Erzählung von was ganz anderem zu handeln. Dann legte wieder meine Mutter los. Und so weiter. Als sich genug Ware auf dem Tresen angesammelt hatte, um meinen Sack voll zu kriegen, füllten ihn die beiden Frauen an, wobei die Kauffrau mit flinker Hand die Registrierkasse bediente. Die Kauffrau holte aus einem der Fächer ihres Tresen ein Schnurstück hervor und band das Sackende zu. Sie zog die Schnur fest zu und schnürte den Knoten mit fester Hand. Es ist besser so, sagte sie, bei Kindern weiß man ja nie, was sie aufführen, wenn der Sack schwer und der Weg lang ist. Dann schickte meine Mutter mich auf den Heimweg. Lola, meine Frau, meinte, ich wäre doch gewiss eifersüchtig gewesen auf das Tellerfleisch und den wohlschmeckenden Saft, den sie dazu trank. Sie meinte, sicher hätte ich auch gerne was gegessen. Nein, sage ich mit vollster Sicherheit, es war mir nicht danach. Ich war froh, dass es ihr schmeckte, und dass sie endlich was für sie tat. Ich fühlte mich so lange entlastet, als sie aß und die Beschäftigung mit dem Essen ihr sichtlich Vergnügen bereitete. Ich durfte hoffen, solange es ihr schmeckte würde sie mich nicht bedrängen etwas für sie zu tun, würde ich nichts für ihr Glück tun müssen. Lola musste sich wundern. Ich bin mir sicher, dass ich nicht alleine bin mit meiner Erfahrung..

Das Tellerfleisch